Hoffnung und Sicherheit. Dies seien – so berichtete einer der Teilnehmer unseres Workshops „Identität und Integration in die Stadtgesellschaft“ – die beiden Eckpunkte, die es aus Sicht aller Syrerinnen und Syrer, die er dazu bisher befragt habe, für eine gelingende Integration brauche. Teilgenommen hatten rund 20 junge Syrerinnen und Syrer aus Hannover und Umgebung sowie von weiter her – sogar aus Münster war eine Teilnehmerin angereist.

Im Zentrum des Workshops stand die Frage danach, was „Identität“ in ihrer persönlichen und sozialen Dimension ausmacht und wie sie durch die Situation, sich aus einem Kriegsland auf die Flucht begeben zu haben und nun in einer neuen, zunächst fremden Gesellschaft ankommen zu müssen, beeinflusst wird. Denn unsere Identität – oder unsere Identitäten? – werden wesentlich davon beeinflusst, wo wir uns selbst verorten, welche Zugehörigkeits- und Kontrasterfahrungen wir machen und welche Zuschreibungen von außen an uns herangetragen werden.

Dies ist für Geflüchtete aus Syrien in doppelter Hinsicht von Bedeutung: Zum einen, wenn es um einen gelingenden syrisch-syrischen Dialog geht. Durch die pseudoreligiöse Rahmung des Konflikts in Syrien ist es für Syrerinnen und Syrer nicht einfacher geworden, sich vorbehaltslos und ohne Misstrauen über (vermeintliche und bestehende) ethnisch-konfessionelle Trennlinien hinweg zu verständigen. Weiß ich, was mein Gegenüber mir als sunnitischer Muslima, als Alawit, als Christ oder als Drusin unterstellt? Welche Ansichten, Haltungen und Verhaltensweisen, ja die Verantwortung wofür automatisch vorausgesetzt werden? Und bin ich umgekehrt frei von solchen Unterstellungen gegenüber anderen? Sicherlich nicht immer, und daher ist es wichtig, sich Zuschreibungsmechanismen bewusst zu machen, aktiv nach Verbindendem zu suchen und Vertrauen aufzubauen. Gerade jetzt, in einer Umgebung, die alle Syrerinnen und Syrer zunächst vor allem als solche wahrnimmt und das gemeinsame Gespräch somit fast zwingend verlangt – aber eben auch ermöglicht.

Gleichzeitig finden sich die geflüchteten Syrerinnen und Syrer nunmehr in einer Gesellschaft, die ihnen in vielerlei Hinsicht neu und fremd ist und deren Funktionsweisen erst verstanden und erlernt werden müssen. Eine Erfahrung, die bis zu einem gewissen Grad jeder macht, der das Wagnis eingeht, ein anderes Land nicht nur als Urlauber zu besuchen, sondern dort zu studieren, zu arbeiten und sich für eine Zeit lang oder für immer ein Leben aufzubauen. Doch im Falle der Exil-Syrerinnen und Syrer kommt ein entscheidender erschwerender Aspekt hinzu: Sie finden sich – bei aller Hilfe und Unterstützung durch Menschen und Institutionen, die sie in vielen Fällen genießen dürfen – konfrontiert mit einer überaus starken Fremdzuschreibung seitens der Aufnahmegesellschaft und deren veröffentlichter Meinung: So muss immer wieder darum gerungen werden, als Studentin, Auszubildender, Arzt, Ingenieurin, Eltern, Fan von Celine Dion, begeisterter Fußballspieler oder Hobby-Musikerin wahr- und ernstgenommen zu werden, da es doch die bequeme Schublade „Flüchtling“ gibt, mit der allein alles gesagt scheint. Neben der Beschreibung eines Faktums und eines daraus folgenden rechtlichen Status bedeutet diese Zuschreibung für die Betroffenen vor allem eins: Hilfsempfänger und in vielen Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt zu sein – und überdies Gegenstand einer emotional geführten gesellschaftlichen und politischen Debatte, in der sie täglich in den Medien genannt werden, ohne je selbst zu Wort zu kommen. Auch das sind Mechanismen, die verstanden werden müssen – und angesichts derer es Kraft braucht, an einem positiven Selbstbild festzuhalten, das einem erlaubt, aktiv auf Menschen zuzugehen, Unterschiede und Diversität als Bereicherung und nicht als Verunsicherung wahrzunehmen und die eigene Situation ebenso wie die gesellschaftspolitische Debatte mutig mitzugestalten.

Um diese Fragen kreisten denn auch die Vorträge und Diskussionen sowie spielerische, mit Mitteln der Theaterpädagogik durchgeführte Sequenzen unseres Workshops. Dabei blieben wir nicht bei einer Bestandsaufnahme stehen. Vielmehr erarbeiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer Strategien, wie sie die eigene gesellschaftspolitische Teilhabe stärken können. Um sich selbst mehr Sicherheit zu verschaffen – aber auch, um die Stadtgesellschaft im Sinne eines gelebten Pluralismus im demokratischen Geist voranzubringen. Deutlich wurde dabei, wie sehr alle Teilnehmenden wertschätzen, sich in Deutschland in einem Umfeld zu befinden, in dem die eigene Meinung nicht nur ohne Angst artikuliert werden, sondern auch Bedeutung gewinnen kann. Eine Erfahrung, die sie je nach persönlicher Biographie zu Beginn des Aufstandes in Syrien gemacht hatten – um dann aber schnell enttäuscht zu werden – oder eben nach Ankunft in Deutschland.

Ideen für Strategien zur Beteiligung waren vielfältig. So kam selbstverständlich die Notwendigkeit eigener Diskussionsplattformen und Interessenvertretungen zur Sprache. Aber ebenso die Idee, sich als Studierende hochschulpolitisch zu betätigen, als Eltern dem Elternbeirat einer Schule beizutreten oder dergleichen mehr – um nicht nur als „Geflüchtete“ gehört zu werden und auch, weil uns allen der persönliche Kontakt gut tut, um einander besser kennenzulernen und Unsicherheiten abzubauen. Dabei ist vielen nicht im Detail klar, wo sie sich betätigen können und wie das funktioniert. Umso wichtiger ist daher der Austausch mit politischen Vertretern, lokalen Entscheidungsträgern und Aktiven, und so waren wir sehr dankbar, zum Abschluss Frau Mareike Wulf MdL (CDU) für ein Gespräch mit unserer Gruppe gewonnen zu haben. So konnte die Gruppe Workshopergebnisse vortragen und gleichzeitig persönliche und politische Einschätzungen von Mareike Wulf hören, die Anlass zum weiteren Austausch gaben.

In der Bilanz des Workshops wurde eines klar: Sicherheit können wir durch so einen Workshop nicht unmittelbar schaffen. Aber dass die gemeinsame Arbeit Hoffnung gemacht hat, wurde in der Auswertung, in der wir auf einen Tag lebhafter Aktivitäten und Diskussionen zurückblickten, ganz prominent genannt. Diese Hoffnung gilt es nun zu vertiefen – indem wir im Gespräch bleiben, den Kreis der Gesprächspartner und Beteiligten bei den Young Leaders for Syria erweitern und uns aktiv an der Gestaltung unserer gemeinsamen Gegenwart und Zukunft beteiligen. Damit füllen wir den Integrationsprozess hier mit Leben – und schaffen Potential für eine zukünftige Transformation Syriens.

Der Workshop im Rahmen des Young Leaders for Syria-Programms wurde durchgeführt durch Citizen Diplomats for Syria und Friedenskreis Syrien. Für die finanzielle Förderung danken wir MiSO – House of Resources.

 

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